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In Einsamkeit leben. Ein Brief von Maria Anna Leenen

Datum:
29.10.2020
Eremitin Maria Anna Leenen schreibt von ihren Erfahrungen mit Einsamkeit.

»Auch wenn die Coronapandemie vieles schmerzhaft einschränkt: Sie kann Anlass sein, sich ganz konkret und über einen längeren Zeitraum mit dem auseinanderzusetzen, wohin mein Leben, meine Sehnsucht mich locken will.«

Ein Brief von Maria Anna Leenen, deren Gesprächsabend zum Thema »In Einsamkeit leben«, der für den 2. November geplant war, wir leider absagen mussten.

 

Liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer, 

nun hat die Pandemie auch diese Veranstaltung nicht stattfinden lassen, was ich und sicher auch einige von Ihnen sehr schade finden. Nicht nur, weil solche Abende immer eine interessante Abwechslung im Alltag sind, sondern auch, weil Sie sich wahrscheinlich einen guten Impuls für Ihr persönliches Leben mit all den momentanen Einschränkungen erhofft hatten. 

Auf Anregung der Familienbildungsstätte schreibe ich Ihnen hier einen Brief. Ein Versuch, wenigstens einige Anregungen an Sie weiterzugeben. 

Einsamkeit ist ein Containerbegriff. Das bedeutet: verschiedene Komponenten von Empfindungen, sozialen Konstellationen und persönlichen wie gesamtgesellschaftlichen Erfahrungen sind in diesem Begriff versammelt. Er wird und kann negativ, aber auch positiv gewertet werden. Für mich als Einsiedlerin ist er seit nunmehr 26 Jahren positiv in meinem täglichen Leben verortet. Das bedeutet nicht unbedingt, dass ich keine oder nur sehr wenige soziale Kontakte habe. Auch Eremitinnen müssen einkaufen, ab und zu zum Arzt oder zur politischen Gemeinde, zu Kirche (falls Gottesdienste stattfinden) und treffen manchmal Freunde oder Familie. Aber alles steht unter der Prämisse, das intensive Leben mit Gott allein zu unterstützen, also der Gottesbeziehung den absoluten Vorrang zu geben. Und zwar 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 12 Monate im Jahr, einfach immer. 

Dieses Leben schließt ein, sich dem immer wieder zu stellen, was das Alleinsein, was die Einsamkeit nach einiger Zeit zwingend auslöst. Alle meine Erfahrungen der letzten zweieinhalb Jahrzehnte können in zwei Punkten zusammengefasst werden: Zum einen die Tatsache, dass ich, dass jeder Mensch im letzten einsam ist und bleibt. Der Alltag der Menschen außerhalb der Einsiedelei ist in der Regel so laut und angefüllt mit wichtigen und auch unwichtigen Dingen, dass diese Erkenntnis vielleicht erst ganz zum Schluss, im Tod kommt. Eremiten erfahren sie relativ schnell. Damit verbunden ist das wachsende Erspüren einer urmenschlichen Sehnsucht, die der Schriftsteller Peter Wust (1884-1940) Ewigkeitsdurst nennt. Übersetzen könnte man diesen Begriff auch mit Sehnsucht nach dem, was bleibenden Sinn, bleibend auch für die Zeit nach dem persönlichen Tod, schenkt.

In und mit der Annahme dieses Erkenntnisprozesses wird nach und nach der zweite Punkt deutlich: Wie unbegreiflich, unfassbar groß die Liebe Gottes zu uns Menschen ist. Sie ist jedem Menschen auf diesem Planeten angeboten und sie ist bedingungslos angeboten! Sie verlangt nur nach dem Ja des Menschen, das immer wieder, immer neu täglich gesprochen werden muss. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, zwölf Monate im Jahr, einfach immer. 

Es ist für mich ein langer, ein sehr langer Prozess gewesen, der auch noch nicht beendet ist. Er hat von der Fassade, die ich (so wie jeder Mensch unweigerlich) vor mir selber aufbaute, den Putz abbröckeln lassen. Dahinter wurde sichtbar, wie klein, wie angefochten und auf Gott angewiesen wir Menschen sind, wie ich bin. Das klingt hart und für viele nicht besonders angenehm. Aber es birgt einen überwältigenden Zuspruch in sich: Gottes Liebe zu mir, die alles übersteigt, was sich ein Mensch, was ich mir wünschen kann. 

Vieles lief und läuft immer noch bei diesem Prozess mit ab: Die Erkenntnis, dass es mit meiner Demut noch nicht besonders weit her ist; dass meine Sehnsucht nach mehr Gotteserkenntnis nur größer geworden ist mit den Jahren; aber auch die Freude am Leben mit Gott in dieser Lebensform und die Freude, Menschen im Gespräch oder mit einem Brief einen Impuls zum Thema Einsamkeit weiterzugeben. 

Auch wenn die Coronapandemie vieles schmerzhaft einschränkt: Sie kann Anlass sein, sich ganz konkret und über einen längeren Zeitraum mit dem auseinanderzusetzen, wohin mein Leben, meine Sehnsucht mich locken will. Auch wenn manches schwer und schmerzhaft ist. Aber dahinter kann eine Erfahrung aufleuchten, die für alles entschädigt, was belastend oder hart ist. 

In diesem Sinne hoffe ich, dass Sie sich die Zeit nehmen, Stille und Ruhe ganz bewusst zu suchen und vielleicht dabei auf Ihren Ewigkeitsdurst aufmerksam werden. Und vielleicht sehen wir uns im nächsten Jahr, wenn die Veranstaltung, unter einem anderen Vorzeichen, stattfinden kann. 

 


Seien Sie gesegnet!

Pax et Bonum

Maria Anna Leenen