Abendlieder:Wir glauben all an einen Gott

Munesterplatz
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EG 183 „Wir glauben all an einen Gott“, Text. Martin Luther (nach dem Credo), Musik: Wittenberg, 15. Jhd. Vorspiel: Johann Christoph Bach (1642-1703), Satz und Orgel: Anke Lehmann
3. Mai 2020
Friedemann Schmidt-Eggert
Anke Lehmann
Anke Lehmann

Anke Lehmann an der Eule-Orgel aus der Thomaskirche 

Glauben wir wirklich alle an einen Gott? Und wenn, ist es der gleiche? Dieser Frage können wir mit dem heutigen, ungewöhnlichen und selten gesungenem Luther-Lied nachgehen. Es wurde wundervoll leichtfüßig von Anke Lehmann mit einem Vorspiel von Johann- Christoph Bach eingespielt. Versuchen Sie es doch einmal mit zu singen!!

„Schwere Kost“? Nur etwas für Insider? Auf den ersten Blick mögen sich die sperrige Sprache und die Feinheiten des Textes nicht gleich erschließen. Luthers Lied zum Glaubensbekenntnis sollte ursprünglich das gesprochene Bekenntnis ersetzen. Die Idee hat sich aber nicht durchgesetzt. Vielleicht auch wegen der schwer singbaren dorischen Melodie, die viele Melismen hat. Aber wer hat schließlich behauptet, dass der christliche Glaube einfach ist? 

Das Lied folgt in seinen drei Strophen der „Trinität“: Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist. Jede der göttlichen Personen erhält eine eigene Strophe.   

Luther betont beim Gottesbild die väterliche Güte und die Fürsorge, was er auch im kleinen Katechismus herausstellte. So plastisch als Vater-Kind-Beziehung wird es im gesprochenen Apostolischen Glaubensbekenntnis nicht ausgemalt.   

In der Christusstrophe hebt Luther den Glauben an Jesus Christus hervor, („sola fide“ -allein aus Glauben). Luther hatte schon in seiner Übersetzung des Neuen Testamentes das „sola“ - „ allein“ aus Glauben eingeschmuggelt (Röm 3,28), was ja seinem Kernanliegen entsprach. Bis heute finden wir übrigens diesen Zusatz „allein“ nicht nur in den Luther-Ausgaben. 

In der Heilig-Geist-Strophe übersetzt er das „unam sanctam catholicam ecclesiam“ nicht mit „die eine, katholische Kirche“ sondern mit „die ganz Christenheit auf Erden“. Beim Heiligen Geist stellt er das Moment des „Trösters“ heraus, ganz nach paulinischer Tradition.   

Wie gesagt, ein Text für Spezialisten, Insider und „Glaubens-Nerds“. Aber die Melodie entführt uns in eine eigene Welt. Solche Zeitreisen können wir mit der Musik unternehmen. 

FSE

1 Wir glauben all an einen Gott, 
Schöpfer Himmels und der Erden, 
der sich zum Vater geben hat, 
dass wir seine Kinder werden. 
Er will uns allzeit ernähren, 
Leib und Seel auch wohl bewahren; 
allem Unfall will er wehren, 
kein Leid soll uns widerfahren. 
Er sorget für uns, hüt’ und wacht; 
es steht alles in seiner Macht. 

2 Wir glauben auch an Jesus Christ, 
seinen Sohn und unsern Herren, 
der ewig bei dem Vater ist, 
gleicher Gott von Macht und Ehren, 
von Maria, der Jungfrauen, 
ist ein wahrer Mensch geboren 
durch den Heilgen Geist im Glauben; 
für uns, die wir warn verloren, 
am Kreuz gestorben und vom Tod 
wieder auferstanden durch Gott. 

3 Wir glauben an den Heilgen Geist, 
Gott mit Vater und dem Sohne, 
der aller Schwachen Tröster heißt 
und mit Gaben zieret schöne, 
die ganz Christenheit auf Erden 
hält in einem Sinn gar eben; 
hier all Sünd vergeben werden, 
das Fleisch soll auch wieder leben. 
Nach diesem Elend ist bereit’ 
uns ein Leben in Ewigkeit. 

*Friedemann Schmidt-Eggert ist Vater zweier mittlerweile erwachsener Kinder. Als sie noch klein waren, hat er sie oft mit Abendliedern in den Schlaf gespielt.