Alltagsbeobachtungen

Tagebuch schreiben
Tagebuch schreiben
Heute entscheidet es sich: vielleicht ist dies mein letzter Eintrag im „Corona-Tagebuch“! Wenn der Schreiner heute die Schutzwände montieren kann, wir alle Regelungen, Vorkehrungen, Beschriftungen zustande bekommen, wird morgen vielleicht der Kirchenpavillon wieder öffnen! Ich bin sehr gespannt, wie das in unserem Umfeld sein wird.
12. Mai 2020
Martina Baur-Schäfer

In Zeitungen und Nachrichten liest und sieht man, wie viele Menschen die Lockerungen unter dem Vorzeichen „Wir haben es überstanden“ deuten und sich wieder ungehindert bewegen, als ob es Corona nicht mehr gäbe. Das löst bei mir eher Sorge aus. Aber ist das auch unser Besucherklientel? Oder sind die Menschen, die zu uns kommen, vorsichtiger, umsichtiger? Wie wird es werden, vertraute Gesichter wieder zu sehen, aber auf Abstand bleiben zu müssen? Frau M. tat es gut, wenn man nicht nur mit ihr redete, sondern auch ihre Hand drückte, die vielen Sorgen und das Alleinsein brauchten einen tröstenden Ausgleich. Wie wird es im Trauercafé „ZwischenRaum“ klappen, wenn nur 4 Menschen mit einer Moderatorin in den hinteren Raum gehen können? Wie kommt man mit emotionalen Erschütterungen und Weinen zurecht, wenn man Mund-Nasen-Schutz tragen muss? Werden die Trauernden überhaupt kommen, oder ist ihnen das Ansteckungsrisiko in einem geschlossenen Gesprächsraum trotz aller Hygienemaßnahmen zu groß? Wie werden wir im Team die Abstandsregeln einhalten können, und wie wird unsere Zusammenarbeit sein, wenn wir nur eine Person pro Raum zulassen? Werde ich mich ins Homeoffice zurücksehnen, weil die veränderte Normalität nicht meinen Hoffnungen standhält? 

Liebes „Corona-Tagebuch“, du warst ein geduldiger Zuhörer, etwas sehr still vielleicht, so richtig in Dialog kann man mit dir nicht kommen, das muss ich dir leider sagen. Aber du hast mir endlosen, unzensierten Raum geboten, dafür danke ich dir schon mal! Und sage prophylaktisch Lebewohl - auf Wiedersehen höchstens bei der nächsten Welle. Aber vielleicht haben wir ja Glück… 

Martina Baur-Schäfer teilt ihre Beoachtungen und Erlebnisse in diesen ungewöhnlichen Zeiten. Sie ist Leiterin des evangelischen Kirchenpavillons in Bonn