Alltagsbeobachtungen

Abstand
Abstand
Wieder eine Homeoffice-Woche vorbei, vielleicht war es ja die letzte, vorläufig. Aber die zweite Corona-Welle kommt sicher, heißt es, und wahrscheinlich auch eine dritte. Und überhaupt würden wir künftig häufiger mit Epidemien zu tun haben, werden wir gewarnt. Welche Schutzwand lassen wir uns bauen, die schnelle, billigere aus Plexiglas oder die aus Panzerglas, die auch häufige Desinfektionen aushalten wird, ohne blind zu werden? Welche Desinfektionsspender leisten wir uns? Denken wir bei allen Schutzmaßnahmen an „vorübergehend“ oder an „wiederkehrend“?
9. Mai 2020
Martina Baur-Schäfer

In der Fußgängerzone, erzählt Frau S., achteten die wenigsten Menschen noch auf Abstand, manche hätten Schutzmasken auf, die meisten zögen sie aus der Tasche, bevor sie ein Geschäft beträten, und steckten sie wieder ein, sobald sie herauskämen. Sie ist ein wenig empört: als Risikoperson mache man es ihr quasi unmöglich, aus dem Haus zu gehen. Wenn die anderen nicht weiterhin bereit seien, Sicherheitsabstand zu halten, wäre die logische Konsequenz, dass sie sich nicht aus dem Haus trauen könne. Wo sei die Einigkeit hin verschwunden, dass man die Schwächsten gemeinsam schütze? 

Beim Spaziergang verdächtige ich den uns entgegenkommenden Hundehalter ohne Mund-Nasen-Schutz zu Unrecht der Rücksichtslosigkeit: 10 m vor uns weicht er in eine Garagenzufahrt aus und lässt uns mit angemessenem Abstand passieren. 

Die Einen so, die Anderen so.

Auch im Politbarometer keine deutlichen Trends mehr, die Werte liegen eher nah beieinander: 47 % sind für die Lockerungen zum jetzigen Zeitpunkt, 38 % sagen: zu früh. 53 % finden die unterschiedlichen Länderregelungen richtig, 45 % falsch. Das Krisenmanagement der Bundesregierung erhält keine 91 % Zustimmung mehr - allerdings mit 81 % immer noch einen sehr hohen Wert. Die letzte Bastion einer einigermaßen gemeinsamen Beurteilung? Die Einen freuen sich: endlich geht es wieder demokratisch zu. Die Anderen seufzen: das Gegeneinander geht wieder los.

Das Wort „gemeinsam“ ist jedenfalls weitgehend aus dem Sprachschatz verschwunden. Wie schnell das doch geht.

Martina Baur-Schäfer teilt ihre Beoachtungen und Erlebnisse in diesen ungewöhnlichen Zeiten. Sie ist Leiterin des evangelischen Kirchenpavillons in Bonn