Alltagsbeobachtungen

Risiko
Risiko
Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden. So war das schon immer, und so wird es immer bleiben. Wir handeln in gutem Gewissen und Abwägung all der Faktoren, die uns zur Verfügung stehen. Und wir stellen erst hinterher fest, ob sie gewichtig waren oder ob ganz andere Dinge hätten bedacht werden sollen.
7. Mai 2020
Martina Baur-Schäfer

Frau L. schreibt heute, dass ihre Kinder leider im home-schooling digital überhaupt nicht gut betreut waren und eher zu den Verlierern dieser Corona-Phase gehören werden - und ich denke: genau so ist es. Es gibt ein paar, die kommen mit Internet gut zurecht und ziehen Nutzen daraus, und es gibt viele, die kommen viel besser zurecht, wenn sie einen Lehrer oder eine Lehrerin als Gegenüber haben, die oder der sie motiviert, mitreißt, ihnen das Gefühl gibt: du schaffst das, und deine Anstrengung wird sich lohnen! In einer Talkshow wurden die gestrigen Entscheidungen über regional zu verantwortende Öffnungen vom Einen als positiv beurteilt, weil es jetzt Zeit sei, nicht mehr den Gesundheitsschutz im Vordergrund zu sehen, sondern statt dessen auf die Eigenverantwortung der Menschen zu setzen, und vom Anderen als negativ, vielleicht weil er die Bilder vor Augen hat von Gruppen, die keinen Abstand halten, und weil er womöglich um die Statistiken weiß, dass gerade jüngere Generationen zu einem hohen Anteil zu den Infizierten und Ansteckenden gehören, sich aber gleichzeitig mehrheitlich nicht an die Vorsichtsmaßregeln halten wollen. Wer hat recht? 

Wir werden vorwärts leben, ohne es zu wissen, und im Nachhinein rückwärts verstehen, wer recht hatte. Und merken: es ging eigentlich gar nicht darum, wer recht hat. 

Es war doch letztlich immer so, dass man als junger Mensch nicht auf die Risiken schaut, sondern auf die Chancen, das ist das Vorrecht der Jugend, und nur so kann man sich dem Leben stellen, oder? Wenn ich daran zurückdenke, was ich mit 20 gewagt habe, beurteile ich es aus heutiger Sicht eher als tollkühn bis schwachsinnig - aber ich habe zum Glück Glück gehabt - oder hatte ich womöglich recht mit meinen Entscheidungen?

Wir sind alle keine Propheten. Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden. Mögen wir das Glück haben, in ein, zwei Jahren sagen zu können, dass unsere Entscheidungen die richtigen waren!

Martina Baur-Schäfer teilt ihre Beoachtungen und Erlebnisse in diesen ungewöhnlichen Zeiten. Sie ist Leiterin des evangelischen Kirchenpavillons in Bonn