BW_Seiten_Teaser
BW_Seiten_Teaser
BW_Seiten_Teaser
BW_Seiten_Teaser
BW_Seiten_Teaser
Veranstaltungs-Highlights

»…ein Gerücht über die Juden« - Mitschnitte der Antisemitismus-Reihe (Herbst 2020)

Datum:
13.10.2020
Die Vorträge der Veranstaltungsreihe der Begegnungsstätte Alte Synagoge und des Katholischen Bildungswerks Wuppertal/Solingen/Remscheid in Kooperation mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Wuppertal e.V. und mit freundlicher Unterstützung der Antisemitismusbeauftragten des Landes Nordrhein-Westfalen konnten dank der großzügigen Unterstützung der Landeszentrale für Politische Bildung NRW unter der Verantwortung der Begegnungsstätte Alte Synagoge aufgezeichnet werden.

Der Antisemitismus ist nicht ausgestorben. In seinen vielfältigen Ausprägungen trifft er die jüdische Minderheit, die um Aufmerksamkeit für dieses Problem kämpfen muss, obwohl es die gesamte Gesellschaft angeht. Die Anschläge auf Synagogen, die Angriffe auf Jüdinnen und Juden, darunter auch viele Kinder und zum Teil mit mörderischen Folgen, sind Alarmzeichen für die Brutalisierung dieser Form der Menschenfeindlichkeit. Es ist keine Übertreibung, sondern eine Tatsache, dass es nicht ungefährlich ist, sich als Jude zu outen oder eine Kippa in der Öffentlichkeit zu tragen.

Antisemitische Haltungen können in den unterschiedlichsten Kombinationen geäußert werden und stehen zum Teil auch im Widerspruch zueinander. Die Vortragsreihe »…ein Gerücht über die Juden« rückt diese unterschiedlichen Ausprägungen in den Mittelpunkt, befragt Expert/innen verschiedener Fachrichtungen und lädt zur Diskussion ein. Ziel der Reihe ist es, aufzuklären, eigene Haltungen zu hinterfragen, sensibel zu machen für antisemitische Äußerungen und Handlungen in Beruf und Gesellschaft sowie im privaten Umfeld.

Dialog ist kein Kuschelkurs. Die Kirchen und ihr Verhältnis zum Judentum nach 1945

Screenshot Mitschnitt Vortrag Ahrens

Das Verhältnis zwischen Christen und Juden ist immer noch ein schwieriges und zuweilen ungeklärtes. Die Einsicht in die Verbrechen des Holocaust hat zwar auch die Kirchen dazu gebracht, ganz neu  – und vielleicht auch zum ersten Mal wirklich – über die Beziehung zwischen Christen und Juden nachzudenken. Das Ergebnis sind grundlegende Erklärungen wie »Nostra aetate« von 1965 und der Rheinische Synodalbeschluss, der in diesem Jahre 40 Jahre alt geworden ist. Aber immer noch herrscht die Meinung vor, dass der Königsweg der Verständigung die Suche nach den Gemeinsamkeiten sei. Der Verweis auf die Unterschiede indes macht das Trennende deutlich, und das scheint schwer auszuhalten. Doch erst die Akzeptanz des Anderen (und auch des Fremden) – und nicht die vereinnahmende Harmonisierung – ist die intellektuelle und auch emotionale Mühe, die man sich für einen Dialog machen muss, wenn er ehrlich sein will.

Wohl kaum ein Satz der Bibel wird so häufig in eine antijüdische Stoßrichtung gedreht wie der Satz  »Auge um Auge, Zahn um Zahn«. In den Medien wird er immer noch als Parole von Rache und Vergeltung im politischen Streit und in militärischen Auseinandersetzungen nach wie vor gern benutzt – vorzugswiese, wenn es um den Nah-Ost-Konflikt geht. Wie alt und dauerhaft die christliche Vorstellung des rächenden Gottes des Alten Testaments mittlerweile ist (dem ein liebender des Neuen gegenübergestellt wird), bezeugt die kluge Aufklärungsschrift des Elberfelder Rabbiners Dr. Joseph Norden.  

Norden war von 1907 bis 1935 Rabbiner an der Elberfelder Synagoge. Geboren am 17. Juni 1870 in Hamburg, erhielt er seine erste religiöse Ausbildung auf der Talmud-Tora-Schule, die er neben dem regulären Schulunterricht im Johanneum, einem humanistischen Gymnasium, besuchte. Er machte als Klassenbester das Abitur und studierte anschließend an der Friedrich-Wilhelm-Universität und am orthodoxen Rabbinerseminar in Berlin.

Der Schauspieler Gregor Henze liest Auszüge aus dieser Aufklärungsschrift von Joseph Norden: Mit »Auge um Auge, Zahn um Zahn. Eine vielumstrittene Bibelstelle«, 1926 im renommierten Philo-Verlag des »Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens« in Berlin veröffentlicht, wollte Norden vor allem ein christliches Lesepublikum ansprechen – heute würde man sagen: als »Antisemitismusprävention«.

Es ist nicht nachzuvollziehen und muss heute als Skandal bewertet werden, dass das 1961 erschienene Jugendbuch »Damals war es Friedrich« von Hans Peter Richter immer noch, seit bald 60 Jahren, im Deutschunterricht zum Thema »Nationalsozialismus« gelesen wird. Dabei wurde das Buch schon in den 1980er Jahren scharf kritisiert: Es steckt voller Klischees und antisemitischer Denkmuster und beruht auf einer strukturellen Entlastungsstrategie. Der Einsatz des Jugendbuches »Damals war es Friedrich« als Schullektüre dokumentiert, wie in der Nachkriegszeit bis zum Teil heute die Themen Nationalsozialismus und Judentum den Schüler und Schülerinnen vermittelt wurde oder auch noch wird.

Die Naturwissenschaft leistet einen enormen Beitrag, wenn es um die Ächtung gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit geht. Denn Rassismus und völkisches Denken berufen sich auf ein angebliches Wissen, auf „Naturgegebenheiten“, die der Wirklichkeit nicht standhalten: es gibt keine menschlichen Rassen – auch keine jüdische. Der Paläogenetiker Johannes Krause führt auf der Basis naturwissenschaftlicher Erkenntnisse die Vorstellung menschlicher „Rassen“ ad absurdum und erklärt, warum die moderne Biologie diesen Begriff gar nicht mehr benutzt. Johannes Krause ist einer der Verfasser der „Jenaer Erklärung“ von 2019.